Geschäftsmann auf Bahnfahrt mit Smartphone
© Gerhard Linnekogel

Die Arbeitswelt der Zukunft
Verkehrsmittel und Mobility Hubs bilden die Infrastruktur des Mobile Office von morgen

Christian Rauch vom Zukunftsinstitut in Frankfurt über den Mobilitätsmix der Zukunft, neues Arbeiten und die Ansprüche der Generation Y

Herr Rauch, Mobilität bedeutet in unserer Gesellschaft nicht mehr nur von A nach B zu reisen. Parameter wie Unabhängigkeit in der Mobilitätswahl oder auch die Umweltverträglichkeit des Verkehrsmittels spielen eine immer größere Rolle. Welche signifikanten Veränderungen haben Sie hier in den letzten Jahren feststellen können?

Der Mobilitätsbedarf wird in den kommenden Jahrzehnten weiter steigen und dabei stehen wir jetzt definitiv am Beginn des postfossilen Zeitalters. Doch ebenso entscheidend ist: Die Art und Weise, wie wir uns fortbewegen, wandelt sich radikal. Die Anforderungen an die zeitliche und örtliche Flexibilität steigen ebenso wie an die Verfügbarkeit und reibungslosen Übergänge zwischen Verkehrsmitteln. Mobilität funktioniert zunehmend nach dem Access-Prinzip: Menschen kaufen sich nur noch den Zugang zu Mobilitätsprodukten. Carsharing oder Uber waren da erst der Anfang. Nutzen statt Besitzen lautet die Devise des multimobilen Lifestyles. Weil das dank einer Vielzahl innovativer Angebote inzwischen immer besser klappt, steigen auch die Ansprüche an den Komfort und die Servicequalität.

Letztlich führt das zu einem neuen Mobilitätsmix, der auch die Basis für beruflichen Erfolg und neue Geschäftsstrategien ist. In Zukunft werden Verkehrsmittel nicht mehr in Konkurrenz zueinander stehen, ihre Nutzung wird intelligent miteinander verzahnt. Die Nachfrage nach integrierten Lösungen, die Mobilitätsangebote stärker als bisher entlang von Mobilitätsketten organisieren und ausgestalten, wird deutlich zunehmen.

Die steigende Mobilität kommt uns nicht nur in der Freizeit zu Gute, auch im beruflichen Alltag sind wir viel unterwegs. Welchen Stellenwert messen Sie dem mobilen Arbeiten jetzt und in naher Zukunft bei? Welche Rolle spielt hierbei das Verkehrsmittel, mit dem wir unterwegs sind?

Zukunftsforscher Christian Rauch ©Zukunftsinstitut GmbH Christian Rauch ist Trend- und Zukunftsforscher. Als Leiter des Frankfurter Büros des Zukunftsinstituts berät er Unternehmen zu den Auswirkungen des gesellschaftlichen Wandels auf Wirtschaft, Lebensstile und Konsum.

Flexibel, unabhängig von Ort und Zeit arbeiten zu können, wird immer wichtiger. Weil man bislang nur in Zügen komfortabel reisen und zugleich produktiv sein kann, hat die Bahn einen strategischen Vorteil gegenüber dem Auto oder dem Flugzeug. Den baut sie mit einer Infrastruktur fürs mobile Arbeiten auch systematisch aus. Überall verfügbares, kostenfreies WLAN, Steckdosen und Tische am Sitzplatz und Ruhebereiche in Zügen ebenso wie Arbeitstische in der Bahnhofs-Lounge – all das sorgt dafür, dass Wegzeit wirklich Arbeitszeit sein kann. Dank schneller Verbindungen zwischen Großstädten und Hauptbahnhöfen, die in den Stadtzentren liegen, ist der Zug selbst auf längeren Strecken oft die bessere Wahl als der Flieger, wenn es darum geht, Reisezeiten effektiv fürs Arbeiten zu nutzen.

Digitale Vernetzung und ruhige Arbeits- und Meeting-Möglichkeiten sind aber erst der Anfang. Künftig wird es darum gehen, kluge, ganzheitliche Konzepte für mobiles Arbeiten zu entwickeln. Mobilitätsdienstleister müssen produktive und kreative Arbeitsumfelder schaffen, mit allem, was dazugehört, um gute Leistungen auch unterwegs zu erreichen. Verkehrsmittel, aber auch Mobility Hubs wie Bahnhöfe, Flughäfen, Hotels, Coworking Spaces werden zum festen Bestandteil unserer Arbeits- und Lebenswelt. Sie bilden die „Hardware“ des Mobile Office in der Netzwerkökonomie von morgen. Smart-Travel bedeutet dann nicht nur zuverlässig, sicher und bequem zu reisen, sondern zugleich sinnvoll arbeiten zu können – und nicht zuletzt sich gesund fortzubewegen. Das betrifft also auch das Ernährungs- und Gastronomiekonzept in Zügen.

Work-Life-Blending, Vertrauensarbeitszeit, mobiles Arbeiten: Der klassische 9to5 Job unter den Wissensarbeitern ist mittlerweile eher die Ausnahme. Welche Ansprüche haben kommende Generationen in dieser Hinsicht an ihren zukünftigen Arbeitgeber? Und wie lassen diese sich auch für Arbeitgeber unter wirtschaftlichen Aspekten sinnvoll umsetzen?

Heute wächst eine neue Generation von Kosmopoliten heran, die global denkt und lokal handelt. Ein Grund für ihre offene, pluralistische Haltung ist ihre zunehmende Mobilität. Menschen, die reisen, hinterfragen eher die eigene Sozialisation und Weltsicht. Für die meisten 18- bis 30-Jährigen sind regelmäßige Reisen völlige Normalität. Das zeigen Umfragen, egal ob unter Deutschen, Spaniern, Briten oder Chinesen. Neue Länder und Kulturen zu entdecken wird zum Lebensziel.

Da wundert es nicht, dass wir inzwischen eine hohe Bereitschaft sehen, für die eigene Karriere das Heimatland dauerhaft zu verlassen. Dies jungen Mitarbeitern zu ermöglichen, wird aber nicht ausreichen. Damit sie bereit sind, sich für ein Unternehmen überdurchschnittlich zu engagieren, müssen Arbeitgeber dafür sorgen, dass Menschen das Gefühl haben, einer sinnstiftenden Tätigkeit nachzugehen. Ein Job, der sie wirklich erfüllt, der Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung garantiert, der persönliche Entwicklungsmöglichkeiten und Spaß bietet – all das ist wichtiger als materielle Anreize, wenn man Nachwuchstalente zu Höchstleistungen motivieren will.

Angesichts der digitalen Chancen und Möglichkeiten müssen sich Unternehmen neu erfinden. Doch wie genau müssen sich Unternehmen neu erfinden – und was müssen sie neu erfinden?

„Digitale Transformation“ ist in der Geschäftswelt zum Buzzword avanciert, ohne dass dadurch wirklich mehr Orientierung entstanden ist, wohin sich die Wirtschaft entwickelt. Richtig ist aber, dass sich Unternehmen im Zuge der Digitalisierung künftig vielfach ganz anders aufstellen müssen: hinsichtlich ihrer Produkte, Prozesse und Organisationsformen. Das beinhaltet auch neue Führungs- und Unternehmenskulturen. Egal ob Familienbetriebe, Mittelständler oder Großkonzerne – in der Netzwerkökonomie dürfen sie sich nicht länger als geschlossene Einheiten verstehen, sondern als Plattformen, als Teil offener Netzwerke und branchenübergreifender Business-Ökosysteme.

Das Neuerfinden beginnt beim Mindset des Managements, dem Hinterfragen der eigenen Sichtweisen und Glaubenssätze, auch von klassischen Wachstumsstrategien. Neues Denken ist die Voraussetzung für erfolgreiche evolutionäre Prozesse und disruptive Innovationen.

Teamarbeit gilt als die zentrale Organisationsform digitalisierter Unternehmen. Ist das nur ein Mythos oder stimmen Sie dieser These zu?

Die Debatte um die Digitalisierung und Automatisierung industrieller Prozesse wird momentan von Hypes und Ängsten dominiert. Im engeren Sinne geht es um die vernetzte Fabrik, in der Maschinen, Werkstücke und Produktionsaufträge ständig Informationen austauschen, um eine flexiblere und effizientere Fertigung zu ermöglichen. Im weiteren Sinne ist das Internet der Dinge die Basis einer neuen Form des Wirtschaftens. Die Arbeitswelt von morgen wird aber nicht durch eine 360°-Virtualisierung geprägt sein. Wer glaubt, der Mensch spiele in der Wertschöpfung künftig keine oder nur noch eine untergeordnete Rolle, irrt. Ich bin überzeugt, dass auch in der digitalen Ökonomie soziale Prozesse und menschliche Fähigkeiten enorme Bedeutung haben werden, die auf persönlichem Austausch, auf Teamstrukturen und interdisziplinärer Zusammenarbeit basieren.

Die Webseite des Frankfurter Zukunftsinstituts erreichen Sie hier.

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