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Jazz-Clubs
Swinging Germany

In Städten wie Hamburg, Berlin oder Köln hat sich eine neue Jazz-Szene entwickelt. Was die Clubs verbindet, sind die Leidenschaft und die musikalische Offenheit, mit der sie betrieben werden.

Es gibt sie noch, die alten Connaisseure, die nach einem Glas Merlot so gern den Jazz und die Welt erklären. Auch ihre schummrigen Keller-Biotope existieren weiter, genauso wie die Musiker, die dort seit Jahrzehnten auftreten. Doch wenn die renommierte englische Tageszeitung „The Guardian” zehn der besten Jazz-Clubs in Europa vorstellt, ist bis auf das etablierte „Loft” in Köln kaum noch einer der alten Tempel dabei. Dafür aber eine nur 30 Quadratmeter kleine Mischung aus improvisierter Bar und shabby Berliner Ladenlokal, wo viermal die Woche Konzerte auf einem alten Teppich stattfinden, weil es auch im fünften Jahr noch keine Bühne gibt: „Donau 115” heißt die mit zwei Förderpreisen der Bundesregierung ausgezeichnete Bar, in der Jazz gespielt und gehört wird, als wäre das Genre eben erst aus dem Ei geschlüpft.

© André Wunstorf Lisa Andersohn, Geschäftsführerin im Jazz-Club „Donau 115” in Berlin-Neukölln: Der Eintritt ist frei, für die Gage wird eine Kanne durchgereicht.

„Wir sind alle sehr musikaffin, hatten aber vorher mit Jazz nicht viel zu tun”, sagt Lisa Andersohn, die 29-jährige Geschäftsführerin des Clubs. „Viele der Musiker brennen für ältere Stile wie Post-Bop, aber Experimentelles und die Verbindung mit Elektronik sind genauso beliebt.” Der Eintritt ist frei, für die Musiker wird während der Auftritte mit einer alten Milchkanne gesammelt. Weil unter den Gästen viele Studenten des Jazz-Instituts Berlin sind, zieht es zunehmend auch prominentere Musiker nach Neukölln. Der Kontrabassist Greg Cohen etwa spielte schon mit Großkalibern wie Tom Waits oder John Zorn – und steht trotzdem für fast kein Geld regelmäßig auf dem Teppich im Club „Donau 115”.

Leidenschaft und musikalische Offenheit

Ähnliche Bilder im Berliner „Edelweiss” oder in der „Neuen Heimat”. Wenn dort zur Jam-Session eingeladen wird, ist es stets rappelvoll. „Jenseits der etablierten Strukturen passiert im Jazz momentan eine ganze Menge”, sagt auch Heiko Jahnke. Der Hamburger veranstaltet das „Überjazz”-Festival und Tourneen von Musikern wie dem Saxofonisten und Shooting-Star Kamasi Washington. „Die neue Szene ist sehr jung, und ihre Offenheit entspricht einer veränderten Lebensrealität.” Jahnke schwärmt vom „Jazzlab”, einem Club, der regelmäßig im Hamburger Karo-Viertel in den Räumen des eher auf elektronische Musik spezialisierten „Volt” stattfindet. Auch das „Golem”, eine Hipster-Bar am Fischmarkt, gönnt sich jeden Mittwoch die Konzertreihe „Fat Jazz Urban Exchange”, die etwas ältere Zuhörer anzieht. Jahnke ist schon länger im Geschäft, hat Acid-Jazz und die Blue-Note-Euphorie der Neunziger kommen und wieder gehen sehen: „Aber dass Jazz noch einmal so einen Push bekommt, hätte ich nie gedacht.”

Bunte Plattform © POP-EYE/Kriemann In der „Neuen Heimat” in Berlin-Friedrichshain entwickelt sich ein neues Zentrum für urbane Kultur mit Jazz-Konzerten und -Partys.

Woran mag das liegen? „Der Ort, an dem Musik stattfindet, ist heute ein wichtiger Faktor”, glaubt Jürgen Carstensen, der in Hamburg die „Halle 424” betreibt. Der Fotograf hat seit 17 Jahren sein Atelier in einer ehemaligen Stückgut-Umschlaganlage, deren rauer Charme jeden „Tatort” zieren würde. Ende 2014 wurde ein Teil der Halle zum Veranstaltungs­raum umgebaut, Jimi Tenor, Kalle Kalima und Joonas Riippa eröffneten den Betrieb mit einer „Finnischen Winternacht”. Seitdem wechseln Jazz, Klassik und Freestyle. Doch immer geht es ums Zuhören: „Das Problem mit normalen Clubs ist, dass die Gespräche der Gäste oft viel zu laut sind”, so Carstensen. In der „Halle 424” sollen die Musiker kein Lockstoff sein, um den Getränkeumsatz zu steigern. Carstensen wünscht sich einen „Neustart für Jazz” und hat deshalb sogar in einen teuren Bechstein-Flügel investiert.

Doch egal ob edel ausgestattet oder schrabbelig und improvisiert: Was die neuen Jazz-Clubs auszeichnet, sind die Leidenschaft und die musikalische Offenheit, mit der sie betrieben werden. Frei nach einem alten Motto von Miles Davis: „I play it first and tell you what it is afterwards”.