Künstliche Intelligenz in der Arbeitswelt
© Jonas Holthaus

Künstliche Intelligenz
Werden Maschinen bald klüger sein als wir?

Digitalisierung, Industrie 4.0 – Wie die Künstliche Intelligenz unsere Arbeitswelt verändert und wie Unternehmen sich darauf einstellen sollten, erklärt Zukunftsforscher Sven Gábor Jánszky.

Herr Jánszky, welche Rolle spielt die Künstliche Intelligenz auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft?

Die Hauptrolle. In der Vergangenheit wurden Routinetätigkeiten in Produktionsanlagen oder am Fließband durch Maschinen ersetzt. Von der Künstlichen Intelligenz sind auch qualifizierte Arbeitsplätze betroffen. Berufe wie Ärzte, Juristen, Steuerberater, Personaler bis hin zu Journalisten und Managern. Softwarebasierte Programme erstellen eigenständig Schriftsätze oder treffen die Auswahl beim Recruiting. Das geschieht heute teilweise schon.

Kann eine Maschine oder eine Software intelligenter sein als der Mensch?

Künstliche Intelligenz beschreibt die logische Denkfähigkeit und die Strategiefähigkeit von Maschinen. Wir sprechen nicht davon, dass Maschinen ein Bewusstsein bekommen, lieben oder hassen können. Aber dass eine Software bessere Antworten geben kann als ein Mitarbeiter, weil sie zum Beispiel im Callcenter automatisch und schneller parat hat, welches Produkt ein Kunde hat, welche Probleme und Lösungen es dafür gibt, und letztlich schon weiß, was der Kunde fragen wird, sobald er die Nummer anwählt.

Sven Janszky inszeniert von Jonas Holthaus © Jonas Holthaus Sieht Chancen in der Digitalisierung der Arbeitswelt: Trendforscher und Buchautor Sven Gábor Jánszky, hier in seinem Leipziger Büro inszeniert vom Fotografen Jonas Holthaus.

Das ist doch Science-Fiction …

Wir sind auf dem Weg dorthin. Im Jahr 2025, wahrscheinlich schon eher, werden wir auf unseren Smartphones digitale Assistenten für jeden Bereich haben. Für Beruf und Karriere, Mobilität, Gesundheit und unsere Einkäufe. Und wir vertrauen diesen Programmen, weil uns ein Gesundheitsassistent auf dem Smartphone eine genauere Antwort geben kann als ein Arzt. Denken Sie nur an die Software „Watson“ von IBM, die u.a. auf die Krebsdiagnose trainiert wurde und in wenigen Sekunden auf eine solche Vielzahl von Daten und Fällen zurückgreift, die ein Mensch innerhalb eines Lebens nicht sichten könnte. So stellt „Watson“ sehr schnelle und exakte Diagnosen.

Wie wird die Künstliche Intelligenz die Abläufe in Unternehmen verändern?

Unternehmen werden künftig Programme wie „Watson“ in ihre Datenbanken einbauen. Der softwaregesteuerte Betriebsablauf definiert anhand von Prognosen und Daten, welche Produkte und Dienstleistungen in den nächsten fünf Stunden oder Tagen nachgefragt werden, und führt letztlich selbstständig das Unternehmen. Beispielsweise errechnen Supermärkte mithilfe des Programms, welches Produkt in welcher Anzahl nachgefragt wird. Nur diese Waren bestellt er bei seinen Lieferanten und Produzenten, wodurch sich alle Beschaffungsprozesse bis hin zur Logistik verändern werden. In einem dritten Schritt bezieht die Produktion auch individuelle Nutzerdaten mit ein. Angenommen, ich bin erkältet, so steht im Regal ein extra für mich mit Vitaminen angereichertes Produkt. Das weiß der Supermarkt von meinem Gesundheitsassistenten auf dem Smartphone.

Klingt nach schöner neuer Einkaufswelt und gläsernem Konsumenten – und das soll sich durchsetzen?

Damit ist zu rechnen. Ein Supermarkt wird damit beginnen, andere werden folgen.

Wenn ich erkältet bin, steht im Regal ein Vitamin-Präparat für mich bereit. Die Information bekam der Supermarkt vom Gesundheitsassistenten auf meinem Handy.
Sven Gábor Jánszky

Werden unsere Büros bald so sein wie unsere Produktionshallen schon heute – teils menschenleer?

Im Gegenteil, wir steuern auf Vollbeschäftigung zu.

Wie das, wenn immer schlauere Maschinen unsere Arbeit übernehmen?

Dafür reicht schlichte Mathematik: In den kommenden zehn Jahren gehen in Deutschland durch Automatisierung etwa ein bis 1,5 Millionen Arbeitsplätze verloren. Dem gegenüber stehen an die 6,5 Millionen Babyboomer, die in Rente gehen und die durch die folgenden, geburtenschwachen Jahrgänge nicht ausgeglichen werden. Unterm Strich bleiben drei Millionen Stellen unbesetzt. Für Arbeitnehmer ist das eine wunderbare Entwicklung. Jeder halbwegs gut Ausgebildete hat einen Job. Zweitens steigt der Wert der Arbeitskraft, und somit steigen die Löhne.

Wieso kommen andere Studien zu anderen Ergebnissen? Durch die sollen in Deutschland 43 Prozent aller Jobs wegfallen …

Diese Studien kenne ich, aber ich halte sie für falsch. Die Grundfrage dieser Studien lautet, welche Jobs in den nächsten 20 Jahren theoretisch wegfallen könnten. Nicht gefragt wurde, was es kostet, sie zu ersetzen. Dies haben wir berücksichtigt und kommen zu dem Fazit, dass die Kosten dafür zu hoch wären und folglich die Beschäftigung von Menschen noch günstiger für ein Unternehmen ist. Erst ab 2050 könnte es zu massenhaften Entlassungen kommen.

Also haben wir das Dilemma in 30 Jahren?

Es wird Gewinner und Verlierer geben. Menschen, deren Jobprofil nicht mehr gefragt ist, werden an anderer Stelle gebraucht. Tätigkeiten in Lagerung, Logistik oder Buchhaltung fallen weg, gebraucht werden aber Programmierer, Informatiker oder Schnittstellendesigner. Die Aufgabe der Gesellschaft und des Staates ist es, die Verlierer nicht durchrutschen zu lassen, sondern in einem Netz aufzufangen.

 

Menschen, deren Jobprofil nicht mehr gefragt ist, werden an anderer Stelle gebraucht.
Sven Gábor Jánszky

Welche Eigenschaften sollten Unternehmer mitbringen, um vom Wandel zu profitieren?

Eine zentrale Eigenschaft: Sie müssen vergessen lernen. Ich nenne das die „Rulebreaker-Strategie“. Gemeint ist, alle bisher geltenden Grundregeln zu hinterfragen und umzukehren und so offen für Neues zu werden. Dieses Denken versuche ich in Unternehmen zu verankern. Ein Beispiel ist die Automobilindustrie mit der Grundregel: Es gibt einen Fahrer. Also konstruiere ich ein Auto um diesen Fahrer herum, das schnell, sicher und wirtschaftlich ist. Der erfolgreiche Regelbruch, der im Silicon Valley eingeführt wurde: Es gibt keinen Fahrer, noch nicht einmal einen Passagier, vielleicht nur eine Kiste, die transportiert wird. Wenn ich keinen Fahrer habe, werde ich ein ganz anderes Auto konstruieren – darum geht es.

Angenommen, die Produktionsstätten organisieren sich in Zukunft selbst. Könnte so eine Künstliche Superintelligenz nicht andere Ziele haben als wir?

Wenn eine Maschine so intelligent wird, dass sie viel besser ist als alle anderen, hat sie aufgrund ihrer Strategiefähigkeit wahrscheinlich auch die Möglichkeit, Menschen zu manipulieren. Auf diese Frage haben wir tatsächlich noch keine Antwort. Aber wir haben auch noch 30 bis 40 Jahre Zeit, um das zu klären.

Zur Person:

Der Trendforscher, Buchautor, Referent und Journalist Sven Gábor Jánszky (44) leitet die „2b Ahead Think Tank GmbH“ in Leipzig und ist Aufsichtsrat der Karlshochschule International University in Karlsruhe. Seine zentrale Aufgabe sieht er darin, Menschen zu befähigen, Veränderungen wahrzunehmen und daraus die richtigen Schritte abzuleiten. Neben seiner Forschungstätigkeit berät und coacht Sven Gábor Jánszky Unternehmen bei der Strategieentwicklung und legt im Jahr mehrere Tausend Kilometer mit der Bahn zurück. „Meine Lieblingsstrecke ist Leipzig–Hamburg. Das ist mit der Bahn unschlagbar schnell und komfortabel.“

Interview: Nicola Malbeck