Frau Sitz im Korb mit Laptop auf dem Schoß
Michael Koenigshofer

Green Hotels
Beruhigt Schlafen

10/2022

Viele Hotels schmücken sich mit Öko-Zertifikaten. Die werden von nationalen und internationalen Organisationen verliehen. Doch was bedeuten die Auszeichnungen?

Von der Wand hinter der Hotelrezeption grüßt – sorgsam eingerahmt und in vielen Grüntönen – eine schmucke Urkunde: ein Öko-Zertifikat, das dem Hotel von Viabono verliehen worden ist. Es könnte aber auch GreenSign oder TourCert dort stehen – weitere Organisationen, die Unterkünften bescheinigen, dass sie umwelt- und klimafreundlich wirtschaften. „Grundsätzlich ist eine Zertifizierung wichtig, um Greenwashing zu verhindern und Reisenden eine Orientierung zu geben“, sagt Professor Wolfgang Strasdas von der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung in Eberswalde.

Das sehen auch immer mehr Unternehmen so: Im Oktober schloss NOVUM Hospitality mit 150 Hotels einen Vertrag mit dem Zertifizierer „GreenSign Institut“. Bevor das Siegel allerdings tatsächlich verliehen wird, müssen sich die Häuser der Marke Niu und Agora Living strengen Audits unterziehen, die Kriterien wie nachhaltige Unternehmensentwicklung, Einkauf von regionalen und fair gehandelten Produkten sowie den ökologischen Fußabdruck (Wasserverbrauch, Energie und Abfallmanagement) unter die Lupe nehmen. Kandidaten müssen außerdem nachweisen, dass sie ein Qualitätsmanagement haben und sozial verantwortlich handeln.

Porträt Professor Wolfgang Strasdas
Fordert mehr Transparenz: Tourismusforscher Wolfgang Strasdas
Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde

Mit Transparenz und hohen Ansprüchen
Das transparente Zertifizierungssystem von GreenSign orientiert sich dabei an den Vorgaben des Global Sustainable Tourism Council (GSTC). Das GSTC ist eine NGO, die 2007 auf Initiative der Rainforest Alliance und mehrerer UN-Organisationen ins Leben gerufen wurde und anspruchsvolle Standards für nachhaltigen Tourismus formuliert hat. In Deutschland hat sich außerdem die gemeinnützige Zertifizierungsgesellschaft TourCert die internationalen GSTC-Standards zu eigen gemacht. Im Ranking des Zentrums für Nachhaltigen Tourismus und des Bundesverbands Verbraucherinitiative belegten die Zertifikate von TourCert wie auch GreenSign aufgrund ihrer Transparenz und Glaubwürdigkeit vorderste Plätze.

So weit, so gut – doch dahinter wird es unübersichtlich. Bisher verbindet die mehr als hundert Öko-Labels im deutschen Tourismus vor allem eins: Kaum jemand kennt die Initiatoren dahinter. Es können Organisationen sein wie der Gaststättenverband DeHoGa, gemeinnützige Vereine, Verlage oder andere private Unternehmen. „Viele dieser Labels haben jedoch ein eher geringes Anspruchsniveau“, kritisiert der Nachhaltigkeitsexperte Strasdas.

GreenSign-Hotel_logo
GreenSign-Hotel

Der Forscher untersucht seit Jahren Nachhaltigkeitslabels im Tourismus und beobachtet, dass viele Verleiher in einem Interessenkonflikt stecken. „Die Zertifizierer verdienen mit ihren Labels Geld, indem sie Lizenzgebühren erheben. Oder die Zertifikate werden von einem Branchenverband verliehen. Damit ist praktisch schon im System angelegt, dass die Anforderungen im konkreten Fall eher lax sind.“ Oft findet nicht einmal eine Prüfung statt – das hübsche Ökosiegel wird quasi nach der Selbstauskunft der Bewerber verliehen.

Die Branche fordert einheitliche Standards
Was Organisationen wie das Forum Anders Reisen kritisieren, ist die Menge an Zertifikaten, die bislang vergeben werden. „Sie zu vergleichen ist auch für Fachleute kaum möglich“, sagt Petra Thomas, Geschäftsführerin des Forums anders reisen. Sie plädiert dafür, einen einheitlichen Standard durch eine bekannte Stelle zu schaffen, so wie es in der Lebensmittel- oder Papierindustrie der Fall sei.

Bis dahin sollten sich Reisende an Labels wie GreenSign oder TourCert orientieren. Unterstützt werden sie dabei auch von den Buchungsplattformen Booking.com und Google. Sie haben den Bedarf erkannt und kennzeichnen inzwischen nach internationalen Standards zertifizierte Hotels auf ihren Plattformen. Und das Bundesverwaltungsamt legt allen Bundesbeamten mittlerweile nahe, ihre Übernachtungen auf Dienstreisen nur noch in Hotels mit einem seriösen Umweltzertifikat zu buchen.