Plädoyer für die Pause
© Mario Wagner

Plädoyer für die Pause
Augen zu und Durchatmen

In einer beschleunigten Gesellschaft ­werden die arbeits­freien stunden immer kürzer. Die Pause ist in Gefahr. Wie können wir sie retten?

Stellen Sie sich vor, Sie haben gerade etwas Luft. Der Termin mit dem Geschäftskunden ging früher zu Ende als vorgesehen, bis zum Lunch-Termin mit dem Chef ist es noch etwas hin. Sie haben die unfreiwillige Pause natürlich längst genutzt, um auf Ihrem Smartphone Mails, Nachrichten und SMS zu checken, und entscheiden sich schließlich, die verbleibende Viertelstunde mit etwas Lesestoff zu füllen. Vielleicht lernt man ja noch was, dann ist die Warterei hier nicht völlig vergeudet. Nicht wahr? Nein, nicht wahr.

Die eben beschriebene Szene ist für die Soziologin Gabriele Mursi sinnbildlich für unsere mobile Gesellschaft. Tagesabläufe sind effizient durchgeplant, Leerzeiten nicht vorgesehen. Wir versuchen so schnell wie möglich von A nach B zu kommen, die Wartezeit dazwischen sei nur noch eine bedeutungslose Dauer, schreibt Mursi in ihrem Buch „Pause!“. Sie schwebe losgelöst von einem gesellschaftlichen Ort in der Zeit, sei bloßer Übergang und für die meisten eine Last. Dabei könnte die Pause so viel mehr sein. Nur was? Und warum fällt uns die Antwort auf die Frage so schwer?

Es aushalten, nichts zu tun ist die Schwierigkeit an einer Pause.
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Bevor man das beantworten kann, muss man verstehen, dass die Pause zunächst einmal nichts anderes ist als ein Teil von Zeit. Sie grenzt jenen Bereich ein, in dem wir aus unseren gewohnheitsmäßigen Mustern heraustreten. Das griechische panein meint „aufhören“, das lateinische pausa wird mit „Zwischenzeit“ oder „Rast“ übersetzt. Immer wenn wir handeln, kommen wir zwangsläufig irgendwann an den Punkt, damit kurz oder länger oder ganz und gar damit aufzuhören, also zu pausieren. Das klingt zunächst einmal recht einfach, ist aber im „Sog der atemberaubenden Beschleunigung der wissenschaftlich-technologischen Innovationsprozesse“ schwierig, wie es die Soziologin Mursi ausdrückt. Will heißen: Dank Smartphone und flexibler Arbeitszeiten können wir Arbeit und anderweitige Pflichten ständig erfüllen. Dem Chef von unterwegs die aktuelle Kalkulation zuschicken, der Ehefrau eine WhatsApp-Nachricht senden, die Doodle-Termin-Anfrage der Fußballfreunde beantworten. Jedes noch so kleine Wartezeitfenster wird genutzt. Wir beschleunigen unser Leben, wollen so viel wie möglich gleichzeitig schaffen. Das bleibt nicht ohne Folgen.

Bei einer Forsa-Umfrage gaben 41 Prozent der befragten Deutschen an, von den eigenen Ansprüchen gestresst zu sein. Besonders voll berufstätige Eltern wissen kaum, wie sie alle Anforderungen unter einen Hut bekommen sollen. In der Vorwerk-Familienstudie aus dem Jahr 2013 sagen 65 Prozent aller Eltern mit Kindern unter 16 Jahren, dass sie das Gefühl haben, nicht allen Anforderungen gerecht zu werden. Unmengen an Sachbüchern und Artikeln versuchen dem beizukommen, geben Ratschläge, wie wir es in einer rasanten, beschleunigten, überforderten Gesellschaft schaffen, Luft zu holen. Power-Yoga, Low-Carb-Diäten, Büromasseure, Meditation in der Mittagspause – kann das der Überforderung wirklich etwas entgegensetzen?

Wir beschleunigen unser Leben, wollen so viel wie möglich gleichzeitig schaffen. Das bleibt nicht ohne Folgen.

Sie ahnen es bereits: Das kann es nicht. Denn das Problem liegt in uns selbst. Sie sollten an dieser Stelle lieber einen Schluck Kaffee trinken, dem Nebenmann zulächeln, tief durchatmen – denn um das zu verstehen, gehen wir in der Kulturgeschichte ein Stück zurück. Die Pause als Gegenpol zur Arbeit ist ja noch gar nicht so alt. Sie kam erst mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert auf und löste eine Zeit ab, in der handwerkliche Manufakturbetriebe sich an den Jahreszeiten, den Lichtverhältnissen des Tages, dem Ausmaß der anstehenden Arbeit, den Gottesdiensten und den Anweisungen des Hausvorstandes orientierten. Arbeit und Freizeit waren ineinander verflochten. Erst in der industriellen Fabrik mit seinen künstlichen Beleuchtungen und Schichten bekommen die Arbeit, die Freizeit und damit auch das Leben einen fremden Rhythmus. Dieser entspringt nicht mehr den natürlichen Verhältnissen, sondern dem Takt der Maschinen. Um die Produktivität zu erhöhen, wird die Uhr zum wichtigen Instrument der Wirtschaft. Der Engländer Frederick Winslow Taylor entwickelte eine Methode, um jeden Arbeiter auf die höchste Stufe seiner Fähigkeiten zu bringen. Im sogenannten Taylorismus sollen fest vorgeschriebene Ruhepausen dazu dienen, sich so intensiv wie möglich zu regenerieren – um dann so intensiv wie möglich weiterzuarbeiten. Im Stahlwerk bei Krupp läutete im Jahr 1871 zum Beispiel die Pausenglocke für eine Viertelstunde Frühstückspause, eine halbe Stunde Mittagspause und eine Viertelstunde Vesper.

Ziellose Ruhe: Es aushalten, nichts zu tun

Dieser Takt verfestigte sich über die Jahrhunderte zu ­einer inneren Geisteshaltung. Aber es waren nicht die Fabrik­herren allein, die ihre Arbeiter zu fleißigen Knechten machten. Sie verwandelten nur die sowieso schon vorhandene „protestantische Arbeitsethik“. Zumindest erklärt der große Soziologe Max Weber mit diesem sperrigen Begriff, warum sich eine rationale Lebensführung so erfolgreich im westlichen Kulturkreis ausbreiten konnte. Kurz gesagt geht es in Webers Theorie darum, dass sich die hiesigen Protestanten durch Fleiß, Disziplin und Entsagung – ähnlich wie vormals die christlichen Mönche in ihrem Klosterleben – die Aufnahme ins Paradies erarbeiten wollen. Die ganze Kraft des Arbeiters richtet sich auf die Pflichterfüllung. Muße, Genuss und Geselligkeit gelten als „prinzipiell schwerste aller Sünden“. Zeit darf nicht vergeudet werden. Jedes Innehalten ist nur dann erlaubt, wenn dadurch Aufgaben noch schneller bewältigt werden. Wenn es für die „Menschenmaschinen mit ihren stahlharten Gehäusen“ keine zweckfreien Pausen mehr gibt, dann verliert die Welt – zumindest nach Weber – ihren Zauber.

In den vergangenen 20 Jahren ist die Zahl der psychischen Erkrankungen in Deutschland um 120 Prozent gestiegen. Genau wie die damit verursachten Krankheitstage am Arbeitsplatz. Laut einer Studie der Bundespsychotherapeutenkammer sind bei fast jedem zweiten Frührentner psychische Erkrankungen der Grund für das vorzeitige Ausscheiden aus dem Berufsleben. Gestresste Arbeitnehmer, Frei­berufler in prekärer Situation, überlastete Manager. Burn-out geistert als moderne Vokabel und Diagnose durch die deutsche Arbeitswelt. Deutschland ist ausgebrannt – und das liegt auch daran, dass es kaum mehr echte Pausen gibt.

Burn-out geistert als moderne Vokabel und Diagnose durch die deutsche Arbeitswelt. Deutschland ist ausgebrannt – und das liegt auch daran, dass es kaum mehr echte Pausen gibt.

Denn die Arbeit umfasst mittlerweile nicht mehr nur einen festgesetzten zeitlichen Rahmen. Sie begleitet uns auf den Bildschirmen, die wir immer bei uns tragen und stößt damit in die vormals unberührbaren Räume von Freizeit und Pause vor. Im Dienstleistungs- und Kreativsektor verlangt heute kaum ein Arbeitgeber mehr, dass sich seine Angestellten an festgesetzte Arbeits- und Pausenzeiten halten müssen. In Zeiten flexibler Arbeitsmodelle und Home Offices ist das auch nicht mehr so einfach möglich. Die Ära der Stempelkarten ist vorbei, in denen sowohl die Arbeits- als auch die Pausenzeiten kontrolliert wurden. Das klingt nach mehr Freiheit und Freizeit, tatsächlich führt es aber zum Gegenteil: Studien zeigen, dass Mitarbeiter sogar freiwillig länger arbeiten, wenn sie selbst über ihre Arbeitszeit ver­fügen dürfen. Wir haben verlernt zu pausieren.

Weil wir das ganz dringend wieder lernen sollten, um fit am Arbeitsplatz zu bleiben, hat der Psychologe Johannes Wendsche von der Technischen Universität Dresden 33 Studien zusammengefasst und Experimente mit Probanden gemacht. Er wollte herausfinden, wie die ideale Pause aussieht. Sein Ergebnis: Mehrere Kurzpausen über den Tag verteilt steigern die Leistungsfähigkeit. Selbst wenn man noch nicht erschöpft ist, sollte man sie konsequent einplanen. Während der Pause gelte es dann, möglichst eine andere Körperhaltung einzunehmen, also nicht einfach am Rechner sitzen bleiben und ein anderes Browserfenster öffnen. Bewegen ist immer gut, einen Freund anrufen, die Augen schließen. Man sollte selbst ein bisschen herumprobieren. Die Mischung macht’s. Zumindest um den Arbeitstag zu überstehen. Am grundlegenden Problem der Rastlosigkeit ändern die Pausenregeln aber nichts. Die lässt sich nur überwinden, wenn wir die Pause nicht nur als Regeneration, sondern als Mußestunde begreifen.

In einer Pause kann man auch mal was verpassen. Ist aber nicht schlimm.
© Mario Wagner

Mal was verpassen: Unser Rhythmus braucht Leerstellen

Der Zeitforscher Karlheinz Geißler hat sich einen Großteil seines akademischen Lebens mit dem Warten beschäftigt und in mehreren Büchern die Pause zurück ins Bewusstsein geholt. Er sagt, dass unser Lebensrhythmus die Leerstellen brauche. Denn genau dort passiere das Unvorhergesehene, das Schöpferische, Kreative, Fantasievolle. In der Pause könnten wir für wenige Minuten bis Stunden frei sein und ganz unserer eigenen Lust folgen. Das bedeutet: Die Pause ist nicht nur dazu da, um danach möglichst fit weiterarbeiten zu können. Sie ist auch eine kleine Insel der Freiheit, des Hedonismus und der Muße.

Wie kommen wir also an diesen glückseligen Zustand? Um das zu erklären, kehren wir jetzt wieder an den Anfang dieses Textes zurück. Sie sind in der beschriebenen unfreiwilligen Wartesituation. Jetzt können Sie sich entscheiden: Wollen Sie arbeiten oder pausieren? Eine Mischform geht nicht. Arbeit und Pause müssen in einem produktiven Verhältnis zueinander stehen. Und deutlich voneinander getrennt werden. Weil Sie sich zwischen Geschäftsterminen befinden, entscheiden Sie sich vermutlich für das Arbeiten. Aber da Sie sich gerade auch Zeit für diesen Text nehmen, sind Sie vielleicht für folgende Argumente empfänglich: Diese Wartezeit eignet sich bestens für eine Mußepause. Zum einen haben Soziologen herausgefunden, dass wir uns immer dann besonders gut entspannen können, wenn wir die häusliche und die professionelle Scholle verlassen. Denn dort lauern überall Routinen und Pflichten – absolute Pausenkiller. Hier, in der freien Zeit zwischen den Terminen, haben Sie Ihr eigenes temporäres Territorium, das Sie ganz für sich gestalten können. Jetzt fragen Sie sich natürlich, womit denn bitte schön. Wie wird es hier recht nett?

Damit Pausen ihre schöpferische Kraft entfalten können, brauchen Sie Zeit.

Zunächst einmal müssen Sie akzeptieren, dass Sie in einer Pause irgendetwas anderes verpassen werden – und dass das überhaupt nicht schlimm ist. Sie haben hier die Chance, sich mal wirklich in etwas zu vertiefen: ein aufwendig komponiertes Musikstück, eine ziellose Kritzelei auf dem Block, einen Tagtraum. Damit Pausen ihre schöpferische Kraft entfalten können, brauchen Sie Zeit. Vermeiden Sie jede Form des Multitasking, denn dann bleibt das Gefühl der Entspannung nur oberflächlich. Nicht gleichzeitig essen und lesen. Nicht Musik hören und facebooken. Nicht immer nur irgendwas reinziehen und trotzdem leer bleiben. Wenn die Zeit im Joballtag rast, sollte die Pause einem völlig anderen Takt folgen: nämlich gar keinem.

Auf der kleinen Zeitinsel müssen Sie bereit sein, sich fallen zu lassen, einzutauchen, berührt zu werden. Das geht am besten in der Natur, aber auch Musik, Meditation oder ein Gespräch können dabei helfen. Die gedehnte Zeit der Pause füllt uns mit Sehnsucht und Fantasie. Walter Benjamin hat einmal gesagt, je länger er am Bahnsteig auf eine Frau warte, umso schöner werde sie. Und vielleicht liegt darin tatsächlich eine große Chance, wie wir unsere Geschäftigkeit ablegen und den Zauber der Welt erkennen: indem wir es einfach aushalten, nichts zu tun.