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Umweltbewusster leben

Umweltbewusst leben möchte jeder – aber das Fahrrad bleibt doch oft stehen. Wie mehr Ökoroutine die Macht der Gewohnheit durchbrechen kann, damit wir tun, was wir für richtig halten, erklärt der Umweltwissenschaftler Michael Kopatz.

Herr Kopatz, wie steht es aktuell um das Umweltbewusstsein der Deutschen?

Besser, als man denken könnte. 90 Prozent der Deutschen wünschen sich einen engagierten Klimaschutz und waren auch bereit, dafür mehr zu bezahlen. 80 Prozent wollen weniger Autos in der Stadt. Doch trotz Carsharing, trotz mehr Umsteigern auf die Bahn und öffentliche Nahverkehrsmittel fahren seit den vergangenen zehn Jahren fünf Millionen zusätzliche Pkw auf den Straßen. Der Lkw-Verkehr hat um 30 Prozent zugenommen. Die Pendlerfahrten in die Städte steigen ebenfalls. Seit zehn Jahren geht der CO₂-Ausstoß nicht zurück, trotz aller erneuerbaren Energien und mehr Energieeffizienz.

Wir wissen also Bescheid, aber handeln nicht danach. Warum ist das so?

Wir sind wunderbare Verdrängungskünstler. Alle wissen um die Klimaproblematik, alle wissen, dass wir unsere CO₂-Bilanz verbessern müssen, um die Klimaziele zu erreichen. Aber niemand möchte allein den Anfang machen. Den eigenen Wagen stehen zu lassen fällt unheimlich schwer. Viele denken: „Warum soll ich jetzt verzichten, wenn alle anderen weitermachen wie bisher. Das hat doch keinen Effekt!“

Dann ist der verantwortungsvolle Konsument oder das nachhaltige Unternehmen ein Mythos?

Wir verhalten uns schizophren. Nach 30 Jahren Umwelterziehung steigen wir heute mit schlechtem Gewissen in Auto und Flugzeug.

Oder fahren im SUV zum Bioladen …

Zum Beispiel. Oder der Widerspruch, seine Haustiere zu verhätscheln, aber gleichzeitig Billigfleisch zu kaufen von Tieren, die unter martialischen Bedingungen gehalten wurden. 90 Prozent der Deutschen wollen Fleisch aus artgerechter Tierhaltung. Aber nur zwei Prozent kaufen es tatsächlich. Ich werfe das niemandem vor. Moralische Diskussionen bringen nichts.

Ökoroutine will die Strukturen ändern, nicht den Menschen. Das Konzept funktioniert – Elektrogeräte, Häuser oder Autos wurden erst durch neue Standards immer effizienter.
Michael Kopatz

Sie plädieren für eine neue »Ökoroutine« – was meinen Sie damit?

Dass nachhaltiges Handeln zur Routine wird. Die meisten Dinge tun wir, ohne darüber nachzudenken. Wir fahren mit dem Auto zum Job oder in die Stadt – oder steigen auf Bahn, Busse oder das Fahrrad um, wenn es bequemer ist und schneller geht. Damit sich unsere Routinen ändern und wir öfter umsteigen, müssen sich die Regeln und Standards ändern.

Wer soll die Regeln ändern?

Regionen, Kommunen und Städte beispielsweise durch die aktive Förderung des öffentlichen Nahverkehrs. Kein Autofahrer lässt seinen Wagen stehen, nur weil es gut für den Klimaschutz ist. Zum Beispiel fuhr mein Onkel früher jeden Tag mit dem Auto in die Stadt zur Arbeit. Er hatte immer viele Gründe, warum er nicht den Bus nehmen konnte, und kam erst ins Grübeln, als die Stadt eine Busspur anlegte und dafür eine Autospur abbaute. Im täglichen Stau schaute er sich über einige Wochen an, wie die Busse an ihm vorbeirauschten. Dann ist auch er mit dem Bus gefahren.

Das heißt, es fehlt nicht an Einsicht, sondern an praktischen Anreizen?

Genau. Eine neue Busspur oder der Rückbau von Parkplätzen sind veränderte Strukturen, die dafür sorgen, dass mehr Leute umsteigen, weil es schneller und effektiver ist. Weil es vielen Menschen so schwerfällt, die bisherige Routine zu verändern, brauchen wir solche Anreize. Dazu gewinnen wir auch noch Lebensqualität in den Städten zurück.

Also können Verbraucher allein gar nichts bewirken, wenn sich das System nicht ändert?

Wer etwas verändern möchte, sollte sich engagieren. Er kann für zukunftsfähigen Verkehr werben, an „Parking Days“ teilnehmen oder an “Critical Mass“-Fahrradtreffen. Auch die damaligen Großdemos gegen das geplante Handelsabkommen TTIP haben gezeigt, dass viele gemeinsam die Öffentlichkeit wach rütteln können. Das Schöne an der Ökoroutine ist, dass sie funktioniert und sich ein Wandel verselbstständigen kann, indem sich die Standards in der Produktion ändern. Wenn zum Beispiel nur noch Bioeier der Standard wären, bräuchte sich niemand mehr Gedanken darüber zu machen, welche Eier er kauft. Es gäbe keine anderen.

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Solche Prozesse brauchen aber teilweise Jahrzehnte. Welche neuen Standards ließen sich relativ schnell umsetzen?

Das Schöne an der Ökoroutine ist, dass sie relativ schnell funktioniert, wenn die Veränderung erst einmal eingesetzt hat. Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit hat zum Beispiel eine EU-Richtlinie dafür gesorgt, dass einem Legehuhn heute doppelt so viel Platz zur Verfügung steht wie 2003. Das ist eine Verbesserung. Ebenso könnten wir durch steigende Standards erreichen, dass nur noch Bioeier oder Fleisch aus artgerechter Tierhaltung in die Supermärkte kommen. In 20 Jahren wäre »Bio« eine Selbstverständlichkeit – es gäbe nichts anderes mehr, und niemand bräuchte mehr darüber nachzudenken, zu welchen Produkten er greift. Der Wandel hätte sich verselbstständigt.

Doch die Verbraucher würden es merken – durch höhere Preise.

 Durch die Massenproduktion werden die Waren günstiger. Die Biolandwirtschaft ist heute auch deshalb so teuer, weil sie eine kleine Nische ist. Wenn »Bio« Standard wäre, fielen auch die Preise.

Die Hersteller und die Industrie hätten dagegensicher massive Einwände …

Ich bekomme viel Zustimmung, auch aus der Industrie. Vor Kurzem habe ich mit dem Chefeinkäufer einer großen Discounterkette gesprochen, der sich höhere gesetzliche Standards in der Tierhaltung wünschen würde, am liebsten EU-weit. Für die Unternehmen ist wichtig, dass die Konkurrenten die gleichen Bedingungen erfüllen müssen, damit niemand einen Wettbewerbsnachteil hat. Auch die Landwirte hätten mit höheren Standards kein Problem, solange sie für alle Produzenten auch in den Nachbarländern gelten. Die meisten Verbraucher würden es vielleicht noch nicht einmal mitbekommen – und der Effekt für den Klimaschutz wäre enorm.

Wie kann es Unternehmen gelingen, mehr Ökoroutine zu fördern?

Viele Unternehmen machen bereits sehr viel – und das glaubhaft und ernsthaft. Sie bieten zum Beispiel ein »Jobticket« für die öffentlichen Nahverkehrsangebote, fördern die Nutzung von Dienstfahrrädern oder Dienst-Pedelecs für den Weg zur Arbeit. Manche werben darüber hinaus mit anderen Unternehmen bei der Stadt um Radschnellwege. Aber auch Organisationen handeln nicht aus reinem Altruismus. Ein Jobticket oder Dienstfahrrad steigert die Mitarbeiterzufriedenheit, wovon auch das Unternehmen profitiert.

Ist am Ende doch viel Verzicht nötig, um das Richtige zu tun?

 Es ist eigentlich ganz banal: Jeder Straßenneubau sorgt dafür, dass noch mehr Fahrzeuge und Güter über die Straßen rollen. Das Geld ist verdampft! Wir könnten es komplett in die Bahn und den öffentlichen Nahverkehr investieren. Dann bekommen wir eine Systemänderung hin – den achtsamen Konsumenten brauchen wir dafür gar nicht. Er tut automatisch das, was er ja auch für das Richtige hält.

ZUR PERSON

Dr. Michael Kopatz, 47, ist Projektleiter am »Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie«. In seinem Buch »Ökoroutine« beschreibt er, wie wir ohne Verzicht, aber durch verbesserte Regeln und Standards mehr ökologisches Handeln als Routine in unserem Alltag verankern können. Mehr Informationen finden Sie unter oekoroutine.de

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