© Plainpicture

Bienensterben
Die digitalisierte Welt der Biene

Wo Monokulturen und Pestizide die Landbienen bedrohen, werden den Stadtbienen vor allem Krankheiten zum Verhängnis. Doch die Digitalisierung liefert immer mehr innovative Lösungen für Bienen und Imker.

Während das Internet der Dinge für manche eine beängstigende Zukunftsvision darstellt, löst es bei anderen eine regelrecht kindliche Begeisterung aus. Den neuesten Clou stellte die Deutsche Telekom kürzlich auf der Cebit 2017 vor und dieser kommt Internet-Pessimisten wie -Optimisten gleichermaßen zu Gute: Ein Bienenstock-Sensor, der Imkern mittels der schmalbandigen Funktechnik NB-IoT (Narrowband Internet of Things) Daten über Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Luftdruck und Gewicht sendet – direkt aus den Bienenstöcken auf das Smartphone. Wie gesund ein Bienenvolk ist, lässt sich mit dieser Innovation künftig zweifelsfrei feststellen.

Der Sensor erleichtert die Arbeit der Imker enorm und fördert darüber hinaus auch ganz gezielt die Arterhaltung der Bienen. Ohne die Bienen verschwände schließlich nicht bloß der Honig von der Speisekarte; vielmehr gäbe es bedeutend weniger Nutz- und Wildpflanzen. Die Folge? Obst und Gemüse wären bald Luxusartikel. Vor allem aufgrund ihrer Bestäubungsleistung sind Bienen damit also auch für den Menschen von existenzieller Bedeutung. Laut dem Deutschen Imkerbund zählen sie neben Rindern und Schweinen sogar zu den wichtigsten Nutztieren. Doch die Zahl der Bienenvölker ist in Deutschland in den vergangenen 65 Jahren um über 60 Prozent auf nur noch 750.000 gesunken.

Landflucht auch unter Bienen

Wer annimmt, schuld an der Bienen-Misere seien die Städteplaner und Häuserbauer, die deren Lebensraum zerstörten, der liegt falsch. Zu Jahresbeginn veröffentlichte die FU Berlin im Auftrag der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen eine Bienen-Studie – mit überraschenden Ergebnissen: Nicht nur unter den Menschen, sondern auch unter den Bienen herrscht Landflucht. Im ländlichen Raum ist das Nahrungsangebot für die Tiere durch Monokulturen und durch den Einsatz von Pestiziden inzwischen stark limitiert.

Ganz anders sieht es in den Städten aus. Dort findet sich dank eifriger Hobbygärtner und emsiger Balkonbepflanzer eine deutlich größere Anzahl an Nahrungsquellen als auf dem Land. Und nicht nur das: Auf immer mehr Privat- und Gewerbe-Dächern werden neue Arbeitsplätze für Imker geschaffen. So summt und brummt es beispielsweise auch auf dem Dach des Hamburger 25hours Number One Hotels, das eine Bienenpatenschaft bei dem 2014 gegründeten Verein beesharing übernommen hat.

Nach Angaben des Vereinsvorsitzenden Otmar Trenk leben in Hamburg ungefähr 4.500 Bienenvölker, die sich unter anderem auf Kleingärten, Balkone und Dächer verteilen. Um deren Versorgung kümmern sich rund 950 Imker. Probleme bereitet jedoch der städtische Standortmangel. Daher hat der beesharing e. V. es sich zur Aufgabe gemacht, Standortanbieter und Imker zusammenzubringen.

Die Stadtimkerei ist auf dem Vormarsch.
Otmar Trenk von beesharing

Trenk sieht in der technischen Entwicklung ein großes Potenzial für den Arterhalt der Biene und erklärt: „Die Digitalisierungschancen in der Bienenwirtschaft zu nutzen ist ein zentraler Ansatz des Vereins.“ Über soziale Netzwerke, die eigene Website, Events und dadurch, dass gewerblichen Paten Kommunikationsmaterial sowie White-Label-Honig bereitgestellt wird, schärft beesharing e. V. das Bewusstsein für die Bienen in der Bevölkerung. Mit Erfolg: „Die Stadtimkerei ist auf dem Vormarsch“, freut sich Trenk. Das Nachwuchsproblem der Imker werde dadurch ein Stück weit gelöst.

Auch dass inzwischen beispielsweise mit der BienenBox ein Angebot für den Imker-Heimgebrauch existiert, bewertet Trenk sehr positiv: „Es ermöglicht einen Einstieg in das Thema und führt auch junge Menschen an die Thematik heran.“ Dennoch sei die Imkerei nicht zu unterschätzen. Es brauche mindestens ein Jahr Zeit und viel Praxis, um sich das Handwerkszeug für den Umgang mit Bienen anzueignen. Trenk stellt klar: „Die Imkerei ist kein Hobby, das man nebenbei macht. Es sind Tiere, und um die muss man sich auch anständig kümmern.“

Die Imkerei ist kein Hobby, das man nebenbei macht.
Otmar Trenk von beesharing

Und so können Sie selbst den Bienen helfen:

  • Informieren Sie sich beim Imkerverein in Ihrer Nähe. Die Kontaktdaten der Bienenzüchter-Landesverbände finden Sie hier.
  • Helfen Sie Bienen, indem Sie im Garten oder auf dem Balkon viele verschiedene Blumen, Nutzpflanzen und Kräuter pflanzen.
  • Benutzen Sie auf keinen Fall Pflanzenschutzmittel!
  • Werden Sie selbst aktiv: Mit der BienenBox können Sie Ihre eigenen Bienen halten. Sprechen Sie aber vorab mit Ihrem Vermieter.
  • Eignen Sie sich jedoch zuvor auf jeden Fall unter Anleitung von Profis das nötige Handwerkszeug an. Die BienenBox bietet in 15 deutschen Städten sowie in Wien und Zürich Kurse an. Auch an vielen Volkshochschulen stehen Imkerkurse auf dem Programm.
  • Fragen Sie bei Bienenzüchtern vor Ort, ob Sie diese bei ihrer Tätigkeit begleiten dürfen, um nicht nur theoretische, sondern auch praktische Erfahrungen zu sammeln.

Was sich durch die mittlerweile vielfachen Möglichkeiten, sich als Imker zu betätigen, jedoch nicht aufhalten lässt, ist das Bienensterben an sich. Nach einem Dämpfer im vergangenen Jahr stagniere die Zahl der Bienenvölker derzeit, berichtet Otmar Trenk. Zwar finden Bienen in der Stadt mehr Nahrung, sind nicht der Gefahr durch Pestizide ausgesetzt und insgesamt produktiver. Allerdings besteht für die Insekten im urbanen Raum durch die höhere Besiedlungsdichte und die Wechselwirkung der Völker untereinander ein größeres Krankheitsrisiko. Ebenso bleibt die Bestäubung von landwirtschaftlichen Nutzpflanzen weiterhin ein Thema, das dringend nach einer Lösung verlangt.

Die Macher von beesharing haben sich angesichts dieser komplexen Fragestellungen mit ihrem Onlinenetzwerk ein ambitioniertes Ziel gesetzt. Sie wollen nicht nur das Platzproblem der Imker durch die Suche nach Standorten für ihre Bienen lösen, sie helfen zudem dabei, dass sich die Imker untereinander besser vernetzen können. Obendrein vermitteln sie Bienen für die Bestäubung an Landwirte und sichern so deren Ernte. Was sich dabei deutlich zeigt: Das Überleben der Biene hängt vor allem an einem digitalen Faden.