Andreas Knie ist Experte für vernetzte Mobilität
© Gene Glover

Reden wir über...
Vernetzte Mobilität

Digitale Helfer werden das Reisen künftig bequemer machen, sagt der Experte für vernetzte Mobilität, Andreas Knie. Denn: Wo eine App, da ein Weg. Ob bei der Wahl des schnellsten Verkehrsmittels oder dem Treffen von Gleichgesinnten unterwegs.

Herr Knie, wie reisen Sie am liebsten, wenn Sie geschäftlich unterwegs sind?

Mir kommt es darauf an, dass ich bequem, kostengünstig und schnell reise. Nach diesen Kriterien entscheide ich, welches Verkehrsmittel für mich infrage kommt. Die Bahn nehme ich für die mittleren Distanzen, das Flugzeug für längere Strecken. Wenn ich nur in Berlin unterwegs bin, nutze ich je nach Strecke und verfügbarer Zeit mal U-Bahn, mal Carsharing oder auch ein Leihfahrrad.

Sind Sie damit der typische Geschäftsreisende von heute?

Nicht ganz. Menschen neigen zur Routine. Die meisten möchten nicht lange über Mobilität nachdenken müssen. In der Regel haben sie einige Verkehrsmittel im Kopf, die sie immer nutzen. Früher war das zuallererst das Auto. Viele Geschäftsreisende fahren immer noch mit dem Auto von Termin zu Termin, aber öffentliche Verkehrsmittel werden für diese Klientel wichtiger.

Warum?

Weil Geschäftsreisende oft unter Zeitdruck stehen. Im Auto können sie nicht während der Fahrt arbeiten, jedenfalls nicht, wenn sie selbst fahren. Aus diesem Grund steigen immer mehr vom Auto auf die Bahn um.

Zur Person Andreas Knie ist Experte für vernetzte Mobilität © Gene Glover Andreas Knie, geboren 1960 in Siegen, ist Geschäftsfüh­rer des Berliner Innovationszentrums für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ), Hochschullehrer am Institut für Soziologie der Technischen Universität Berlin und Bereichsleiter für Intermodale Angebote der Deutschen Bahn. In seiner Forschung beschäftigt er sich schwerpunktmäßig mit vernetzten Verkehren.

… und stehen vor der Frage: Wie komme ich dann vom Bahnhof weiter zum Zielort?

Antworten darauf liefert heute das Smartphone. Es macht die Wahl des Verkehrsmittels viel einfacher. Früher ging das natürlich auch: Man konnte erst Fahrrad fahren, sich dann in den Zug setzen, später mit der U-Bahn zum Termin. Das Problem war nur: All die Möglichkeiten und Verbindungen musste man im Kopf haben. Da war es für Geschäftsreisende einfacher und bequemer, gleich das Auto zu nehmen. Das ist heute nicht mehr nötig. Das Smartphone bildet alle verfügbaren Verkehrsmittel ab, es macht beweglicher – unabhängig davon, ob man ein Auto hat oder nicht.

Liegt in der Digitalisierung der Schlüssel für das sogenannte intermodale Reisen?

Ja! Welches Verkehrsmittel mir gerade am meisten nutzt, entscheide ich per Smartphone-App. Manche Geschäftsreisende haben für jedes Verkehrsmittel eine eigene App: für die Bahn, fürs Carsharing, für Leihfahrräder und so weiter. Es gibt viele Forschungsprojekte, die sich damit beschäftigen, eine integrierte Software-Applikation für alle Verkehrsmittel zu entwickeln. Dabei kristallisiert sich heraus, dass sie drei Dinge können muss: Informationen liefern, Zugangsmöglichkeiten zu allen Verkehrsmitteln bieten und die Bezahlung vereinfachen.

Wie genau kann man sich das vorstellen?

Eine solche App muss auf einen Blick viele Fragen beantworten: Fährt die Bahn aktuell mit Verspätung? Stehen in der Nähe des Hauptbahnhofs gerade Carsharing-Autos zur Verfügung, oder sind alle belegt? Gibt es irgendwo Straßensperren und Baustellen? Außerdem muss der Reisende die Verkehrsmittel auch unkompliziert buchen können. Das Ticket sollte in die App integriert sein. Und beim Carsharing sollte man das Auto mit der App öffnen können. Es darf keinen Medienbruch geben. Dazu gehört auch, Fahrten mobil bezahlen zu können. Gerade für Geschäftsreisende ist das wichtig. So können sie für ihre Buchhaltung einfacher nachhalten, was sie wo wie genutzt haben. Die Bahn ist mit der App „Quixxit“ schon auf einem guten Weg, auch wenn noch nicht alle Mobilitätsanbieter in der App verfügbar sind.

Die App der Zukunft muss drei Dinge können: Informationen liefern, Zugang zu allen Verkehrsmitteln bieten und die Bezahlung vereinfachen.
Andreas Knie

Am Bahnhof Berlin-Südkreuz erproben Sie gerade die sogenannte Indoor-Navigation. Was ist das?

Wir testen dort Ortungstechniken in einem Gebäude. Die verbreitete Technik GPS funktioniert zwar im Freien gut, nicht aber in Gebäuden. Es gibt mit WLAN und Bluetooth Low Energy allerdings Techniken, die eine Ortung innerhalb eines Raumes erlauben, mittlerweile bis auf 50 Zentimeter genau. Der Bahnhof Südkreuz ist etwas unübersichtlich. Deshalb ist der Wunsch der Reisenden nach Orientierung dort besonders groß. Wir untersuchen momentan, welche Funktionen eine Navigations-App im Bahnhof haben sollte. Gerade für Geschäftsreisende, die nicht jeden Bahnhof wie ihre Westentasche kennen, können solche Systeme hilfreich sein. Stellen Sie sich vor, Sie waren noch nie in diesem Bahnhof, haben keine Ahnung, von welchem Gleis Ihr Zug abfährt, müssen aber schnell zu einem Termin. In solchen Fällen führt die Indoor-Navigation Sie vom Taxistand vor dem Bahnhof bis zu Ihrem Platz im Zug. Das spart eine Menge Zeit – und Nerven.

Es gibt inzwischen viele Apps, die die Interaktion zwischen Menschen auf Reisen fördern wollen. Was halten Sie davon?

Mitfahrzentralen wie Bla Bla Car bieten Reisenden die Möglichkeit, sich zu gemeinsamen Fahrten zu verabreden. Für Bahnfahrten kann man sich ebenfalls auf Seiten wie traindate.de zu gemeinsamen Reisen verabreden, mit der App „Lokin“ kann man mit den Mitreisenden im gleichen Zug chatten. Die Digitalisierung macht das Reisen also sozialer. Das ist auch für viele Geschäftsreisende interessant, die sich denken: Wenn XY auch gerade im Zug ist, könnte ich ihn ja mal etwas fragen. Geschäftsreisende, die gerade auf dem Weg zu einer größeren Konferenz sind, können sich bereits im Zug mit anderen Teilnehmern unterhalten, indem sie digitale Hilfsmittel zur Vernetzung nutzen.

Bahn-Profil Mobilitätsexperte Andreas Knie © Gene Glover Andreas Knie reist mehrmals wöchentlich mit der Bahn und legt im Jahr rund 35 000 Kilometer zurück. Mit der Bahn verbindet er vor allem angenehmes Reisen: „Wenn man erst einmal auf seinem Platz sitzt, dann ist Reisen mit der Bahn wunderbar.“ In Milton Keynes bei London sollen ab 2017 selbstfahrende Gondeln den Nahverkehr in der Stadt erweitern. Per Smartphone ordern die Kunden eine solche Fahrkapsel, die den Weg ohne Fahrer findet – ein Modell für Deutschland?

Auch wenn es sich bei dem Projekt erst einmal um einen Probelauf und nicht um eine komplette Umstellung des Nahverkehrs handelt: Das Projekt ist sehr spannend und wird zeigen, welch großes Potenzial das Thema „autonomes Fahren“ hat.

Wann sehen wir in Deutschland die ersten selbstfahrenden Autos?

Da wage ich keine genaue Prognose. In unseren Theorien funktioniert das alles gut – aber wir sind gerade erst dabei, das autonome Fahren auch in der Praxis zu testen. In Deutschland werden solche Fahrzeuge vermutlich zunächst auf Autobahnen in Kolonnen fahren. Nicht umsonst soll die erste nationale Teststrecke auf der A 9 eingerichtet werden – also auf einer Autobahn, nicht innerhalb einer Stadt. Erst später könnte auch der komplexe Stadtverkehr mit seinen vielen Störquellen reibungslos flächendeckend mit selbstfahrenden Fahrzeugen funktionieren. Bis dahin werden aber noch mindestens zwei Jahrzehnte vergehen.