Foto: Evelyn Dragan

Adieu Jobfrust – Mehr Freude an der Arbeit
Adieu Jobfrust – Mehr Freude an der Arbeit

Brauchen Mitarbeiter Sitzsäcke und Tischkicker, um glückliche Arbeitnehmer zu sein? Für den Kreativberater Jan Teunen gehört viel mehr dazu, um Freude an der Arbeit zu wecken. Im Interview plädiert er für eine Kultur der Gegenseitigen Anerkennung.

Herr Teunen, Unternehmen aus dem Silicon Valley lassen ihre Angestellten in modern designten »Open Spaces« arbeiten. Benötigt man Stehtische, Lounges, Tischkicker und Laptop-Kultur, um zufriedene Mitarbeiter zu haben?
Beispiele wie das kreisrunde Apple-Gebäude von Norman Foster illustrieren das Dilemma, in dem das Büro heute feststeckt: Es wurde erfunden, um das Kostbare – Kreativität, Intuition, Inspiration – zu fördern und zu beschützen. Das ist weitgehend verloren gegangen, und ich bezweifle, dass Tischkicker und Lounge-Ecken dem entgegenwirken können. Heerscharen von Menschen drehen in ihren Büros durch.

Warum das?
Die Mehrzahl der Büros ist geprägt von der wirtschaftlichen Rationalität. Sie haben Kanalcharakter. Die Prozesse werden in einem hohen Tempo durchgepresst, und es entsteht negativer Stress. So geprägte Raumkulturen lassen nicht zu, dass sich die Emotionen der Menschen, die darin arbeiten, stabilisieren können. Das kann dazu führen, dass Mitarbeiter ängstlich werden, sich einigeln oder Tendenzen von unterdrückter Wut zeigen. Was den Menschen fehlt, ist eine Umgebung in einer Qualität, die nicht bloß eine funktionale Beziehung ermöglicht, sondern auch eine poetische.

Poetisch – ist das nicht eine überzogene Erwartung an den Arbeitsplatz?
Dass Sie auf das Wort reagieren, zeigt ja bereits, wie uns das Schöne bei der Arbeit abtrainiert wurde und die Menschen an die Trostlosigkeit gewöhnt wurden. Ich sage Ihnen: Das Schöne gehört zwingend dazu.

Im Paragraf 75 des Betriebsverfassungsgesetzes steht: »Arbeitgeber und Betriebsrat haben die freie Entfaltung der Persönlichkeit der im Betrieb be- schäftigten Arbeitnehmer zu schützen und zu fördern.« Auf wie viele Arbeitsplätze trifft das aus Ihrer täglichen Erfahrung zu?
Auf die wenigsten. Die meisten Büros gleichen Toträumen, die weit davon entfernt sind, Energie zu stiften oder zu begeistern. In durchschnittlichen Räumen der modernen Arbeitswelt ist Kreativität unmöglich.

Wie sieht denn Ihr Büro aus?
Mein Büro gleicht ein wenig einer Wunderkammer der Spätrenaissance – mit vielen Büchern, Bildern, Artefakten, zu denen mein Geist und meine Seele in Be- ziehung stehen und die gute Gefühle hervorrufen.

Viele Firmen untersagen es ihren Mitarbeitern, persönliche Gegenstände auf Tischen und an Wänden zu präsentieren …
Das halte ich für falsch. Nicht nur Mitarbeiter, auch das Unternehmen sollte sich Erinnerungsräume schaffen, mit Fotos und Objekten, die für die eigene Geschichte von Bedeutung sind. Auch Kunst kann Teil der Umgebung sein und Objekte aus der Natur, die eine wohltuende Wirkung auf Mitarbeiter und Besucher haben. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Laut einer aktuellen Statistik sollen zwei Drittel der deutschen Arbeitnehmer innerlich gekündigt haben. Der Grund dafür kann ja nicht nur das sterile Großraumbüro sein?
Wer bloß einen Job macht, wird, wenn er Glück hat, adäquat bezahlt und bekommt Anerkennung aus seinem Umfeld. Das reicht in der Regel nicht, um Zufriedenheit zu erzeugen. Zufrieden werden Menschen, die mit dem, was sie tun, die Gesellschaft gestalten. Sind sie sinnstiftend unterwegs, bekommen sie über Bezahlung und Anerkennung hinaus eine intrinsische Belohnung, und die ist es, die zufrieden macht.

 

Foto: Evelyn Dragan
VIELE BÜROS SIND GEPRÄGT VON RATIONALITÄT. SIE GLEICHEN TOTEN RÄUMEN, DIE MITARBEITER SCHWÄCHEN. DOCH DAS SCHÖNE GEHÖRT ZU JEDEM ARBEITSPLATZ DAZU.
Jan Teunen

Und wie kann das gefördert werden?
Das Unternehmen sollte sich um ein ausgewogenes Verhältnis zwischen wirtschaftlicher und ethischer Verantwortung bemühen. Das ist Voraussetzung für eine Kultur, in der die Bedürfnisse und Sehnsüchte der Mitarbeiter beachtet werden. Wer das berücksichtigt, trägt erheblich zum Glück der Mitarbeiter bei.

Aber liegt das nicht auch in der Eigenverantwortung des Arbeitnehmers?

Dazu kommt mir sofort Mahatma Gandhi in den Sinn: »Wir selbst müssen die Veränderung sein, die wir in der Welt sehen wollen.« Wer den Egoismus überwindet und durch das, was man denkt, sagt und tut, nicht nur das eigene Leben, sondern auch das Leben anderer reicher und nicht ärmer macht und sich ständig weiterentwickelt, trägt wesentlich dazu bei, dass das Leben gelingt – auch am Arbeitsplatz.

Können Sie ein Positivbeispiel für eine Firma nennen, wo mit Freude gearbeitet wird?

In der Zentrale des »dm«-Drogeriemarkts ist der gute Geist des Hauses überall spürbar. Der Bote vom Paketdienst wird genauso freundlich begrüßt wie ein Kunde oder ein Kollege. Danach geht man gut gestimmt ins Meeting, das immer pünktlich beginnt und pünktlich endet und gut vorbereitet ist. Man ist interessiert am Gegenüber, liebt die Begegnung, will von anderen lernen und teilt das Wissen gern. Das Verkaufen von Drogeriewaren scheint Nebensache zu sein. Denen geht es um das Gestalten von Gesellschaft. Das ist wunderbar, und so war Ökonomie ursprünglich auch gedacht.

Welche Rolle spielt die Unternehmensführung bei der Gestaltung des Arbeitsumfeldes?

Sie sollte einen Dreiklang entwickelt haben – bestehend aus Rationalität, Emotionalität und Sozialität. Solche Führungskräfte wissen auch um die Tatsache, dass sie in ihren Unternehmen Umstände schaffen müssen, damit ihre Mitarbeiter sich selbst motivieren können. Sie sind vertraut mit der Weisheit des großen Universalgenies Buckminster Fuller: »Versuche nicht, Menschen zu verändern, verändere die Umwelt.«

Haben wir es – jenseits Ihrer Philosophie – nicht mit einer ganz anderen Frage zu tun: Wie kann überhaupt Freude aufkommen, wenn man einer Tätigkeit nachgehen muss, nur um Geld zu verdienen?
In dem man sich in Demut übt und sich dessen bewusst ist, dass man bereits ein Glückskind ist, weil man zu dieser Zeit in diesem Teil der Welt leben und arbeiten darf. Der Psychoanalytiker Karl Jaspers hat einmal gesagt, dass es das Schicksal und die Verantwortung jedes Menschen ist, wem er in seinem Dasein begegnet, was er auswählt und was er meidet. »Es gehört zum Wesen des Einzelnen, mit wem er gelebt und wer ihn bestimmt hat.« Ein wunderbarer, inspirierender Gedanke, finden Sie nicht auch?

ZUR  PERSON
Jan Teunen, Jahrgang 1950, ist Kreativberater und unterstützt Unternehmen bei
 der Entfaltung nachhaltiger Unternehmenskultur. Er hält eine Professur für Designmarketing an der Kunsthochschule Halle. Vor Kurzem erschien sein Buch »Officina Humana« über das Büro als Mastertool des wirtschaftlichen Erfolgs.

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