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Das Wandern ist zurück
Draußen sein

Jeder zweite Deutsche schnürt inzwischen wieder die Stiefel: Warum das Gehen in der Natur so beliebt ist

Die gestressten Großstädter ziehen heute immer öfter ihr Holzfällerhemd über und schnüren die Wanderschuhe – und dann geht´s ab auf den Harzer-Hexen-Stieg, einer der „Top Trails of Germany“. Einfach mal drei Tage im Wald verschwinden – das findet heute keiner komisch oder gar altbacken. 154,3 Kilometer führt dieser mittelschwere Trail durch grüne Misch- und Nadelwälder, vorbei an felsigen Schluchten und steil aufragenden Klippen, und in mittelalterliche Fachwerkstädtchen. Die beliebtesten Ziele der Wanderurlauber in Deutschland liegen in Bayern und Baden-Württemberg, das verrät zumindest eine Studie des Deutschen Wanderverbandes.

Menschen suchen in ihrer Freizeit einen Ausgleich. Die Wandermotive lauten daher oft ‚Stress abbauen’ oder ‚zu sich selber finden’. Die Menschen wollen Natur erleben – und wo geht das besser als bei einer Wanderung?

Wandern gegen den Stress

Auch Prof. Dr. Ulrich Reinhardt von der Hamburger Stiftung für Zukunftsfragen betont: „Inmitten einer Welt, die sich technisch immer schneller entwickelt und in der die Zeitvorgaben immer enger strukturierter erscheinen, sehnt sich der Einzelne nach mehr Muße und Ruhe in der Natur. Diese lässt sich beim Wandern – zumindest zeitweise – finden und erleben. Dort gerät ein durch feste Strukturen, Hektik, Zeitnot, Stress und Fremdbestimmung gekennzeichnetes Alltagsbild in Vergessenheit. An seine Stelle tritt ein Gefühl der Selbstbestimmung und Selbsterkenntnis. Und das tut gut“.

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2018 Neuer Pilgerrekord in Santiago de Compostela

Ob nun mit Smartphone zum Geocaching, barfuß, nackt, 24 Stunden pausenlos, bei Sonnenaufgang oder in der Nacht – Wandern hat heute sehr viele Facetten. Und wer pilgert, tut das nicht unbedingt aus religiösen Gründen. Das Pilgerbüro von Santiago de Compostela vermeldete Anfang des Jahres einen neuen Rekord: 327.378 Ankömmlinge erhielten 2018 ihre Urkunde – und die Deutschen belegten den zweiten Platz unter den ausländischen Teilnehmern.

Auch der Deutsche Wanderverband verzeichnet einen Zuwachs. „Wandern wird immer beliebter“, sagt Ute Dicks, Geschäftsführerin des Verbandes. „In den vergangenen zehn Jahren haben wir über 10 Prozent mehr aktive Wanderer registriert“ erklärt die Expertin. Warum das so ist?
„Zum einen entdecken viele Menschen dieses Freizeitangebot zunehmend für sich, weil sie merken, wie abwechslungsreich, spannend und zugleich unkompliziert Touren draußen in der Natur sein können.“ Einen weiteren Aspekt sieht sie im zunehmend verdichteten Arbeitsalltag.

Eine gute Ausrüstung muss sein

Deshalb Schuhe an und ab vor die Tür, aber bitte nicht ohne eine gute Ausrüstung. Ohne Rucksack und atmungsaktiver Kleidung geht heute kaum einer mehr in den Wald. Voll im Trend liegen recycelte Materialien wie Jacken aus dem geschredderten Granulat von alten PET-Flaschen. Die Wanderer haben es gerne leicht, bequem und nachhaltig. Erst recht, wenn es auf eine größere Trekking-Tour geht. Bei dieser mehrtägigen Wanderung abseits der Zivilisation, mit Verpflegung und Zelt im Rucksack, zählt jedes Kilo Gewicht auf dem Rücken.
Seitdem sich immer mehr Menschen für ihren ökologischen Fußabdruck interessieren, muss es auch nicht unbedingt irgendein Trail in Australien sein. Nein, heute überzeugt auch der Harzer-Hexen-Stieg, einer der insgesamt 14 ausgezeichneten Fernwanderwege in Deutschland.
Ob Instagrammer wie die German Roamers (englisch für Deutsche Wanderer), das Kollektiv aus 14 jungen Fotografen im Alter von 17 bis 34 Jahren, einen Einfluss auf die heutige deutsche Wanderlust haben, ist nicht belegt. Doch ihre Instagram-Accounts, die immer wieder Motive von Menschen und Tieren bei kaltem Wetter im Regen, Schnee und bei Nebel zeigen, haben zusammen mehrere Millionen Abonnenten – und mittlerweile erschien unlängst ein gleichnamiger Bildband. Darin bringt ein Mitglied des Fotografenteams, Max Münch, ihr Anliegen auf den Punkt: „Direkt vor unserer Nase finden sich umwerfende Landschaften, die man eher in fernen Ländern vermuten würde.“ Und damit treffen sie nicht nur den Nerv der Zeit, sondern erwecken auch die Lust am Wandern.

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Tipps für Wanderstecken, die Sie mit einer Geschäftsreise verbinden können:

Ab Berlin: 66-Seen-Rundweg um Berlin

416 Kilometer ist er lang und in 17 Etappen unterteilt. Der 66-Seen-Rundweg führt rund um die deutsche Hauptstadt. Es geht vorbei an Heide, Auenwälder, Wiesen und Felder – und natürlich an Gewässern. Der Flachlandwanderwege belegte 2006 im Wettbewerb der schönsten Wanderwege Deutschlands den 8. Platz.
Startpunkt: Hauptbahnhof Potsdam und Straßenbahn oder ab Bahnhof 20 Minuten Fußweg zum Start am Brandenburger Tor in Potsdam.
www.havelland-tourismus.de
www.seenweg.de

Ab Hamburg: Wanderung durch die Fischbeker Heide

Auf dem Wanderweg 6 geht es 8 Kilometer lang durch die Fischbeker Heide, Hamburgs drittgrößtes Naturschutzgebiet. Auf sandigen Wegen vorbei an Heideflächen aus der sogenannten Besenheide.
Startpunkt: Mit der S3 oder S31 bis zur S-Bahnstation Neuwiedenthal, anschließend mit dem Bus 250 bis zum Naturschutzgebiet Fischbeker Heide.
www.hamburg.de/fischbeker-heide/

Ab München: Walderlebnispfad im Freisinger Forst

Von Freising geht es zwei Kilometer auf dem Walderlebnispfad im Freisinger Forst. Der Rundweg besitzt eine Länge von zwei Kilometern und beginnt und endet an der Gaststätte „Plantage“.
Startpunkt: Bahnhof Freising, S-Bahn Linie S 1 ab München Hauptbahnhof, Freising ist Endhalt.
www.walderlebnispfad-freising.de

Ab Köln: Jakobsweg Süd von Brühl nach Weilerswist

Es muss nicht immer Spanien sein, um innere Einkehr zu finden. Der Kölner Dom ist eine wichtige Station auf dem deutschen Jakobsweg. Wer nicht so viel Zeit mit bringt bis nach Trier zum Grab des Apostels Matthias zu pilgern, wandert nur ein Teilstück wie etwa die 14 Kilometer von Brühl bis nach Weilerswist.
Startpunkt: Köln, Bonn oder Brühl – alle mit Bus und Bahn zu erreichen.
https://www.koeln.de/koeln/freizeit/freizeitsport/wandern/jakobsweg-sued—von-bruehl-nach-weilerswist_36467.html

Ab Frankfurt am Main: Schinderhannes Steig im Taunus

Schon der Namensgeber, der im späten 18. Jahrhundert geborene Räuber Johannes Bückler alias Schinderhannes, schätzte die Wälder des Taunus für seine Ruhe – und nutze ihn daher als Versteck. Der nach ihm benannte 38 Kilometer lange und mittelschwere Steig führt unter anderem zur Burgstadt Eppstein, zur höchsten Erhebung im Main-Taunus-Kreis, auf den 507 Meter hohen Atzelberg sowie an den römischen Grenzwall Limes – schöne Fernsichten inklusive.
Startpunkt: Gimbacher Hof in Kelkheim. Anreise mit der R12 Regionalbahn Richtung Königstein, Ausstieg in der Station Kelkheim.
Endpunkt: Landsteiner Mühle von dort mit dem Bus bis Bad Homburg und zurück mit der Bahn nach Frankfurt am Main.
https://taunus.info/

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